Andreaskirche

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Basisdaten
Entstehungszeit ca. 1275-1288 (um 900; 12. Jhdt.)
Erbauer Stadt Norden
Bauweise Ziegel- und Tuffsteinbau
Erhaltungszustand 1531 zerstört; bis 1756 abgetragen
Genaue Lage Alter Friedhof

Die Andreaskirche war der erste steinerne Sakralbau in Norden. Sie befand sich auf dem heutigen Alten Friedhof in unmittelbarer Nähe zum Marktplatz. Die für den Bau errichtete Warft auf der höchsten Stelle der Geestinsel ist noch heute deutlich zu erkennen. Nach der Brandschatzung der Kirche 1531 durch Balthasar von Esens verfiel sie und wurde bis 1756 vollends abgetragen.

Die Andreaskirche, die nicht mit dem Gemeindezentrum der erst 1996 gegründeten Andreasgemeinde verwechselt werden darf, diente dem sich entwickelnden städtischen Gemeinwesen als Gotteshaus. Dies wird unter anderem damit erklärt, dass die Kirche dem Heiligen Andreas geweiht war. Er war der Schutzpatron der Stadt und wird noch heute als Schildhalter des Norder Stadtwappens dargestellt. Ihr gegenüber stand die Ludgerikirche, die das Gotteshaus der Norder Umlandgemeinden war.

Geschichte

Der heute gemeinhin als Andreaskirche bezeichneten, hochmittelalterlichen Steinkirche geht mutmaßlich ein hölzerner Bau voran, der möglicherweise bereits auf den Beginn der christlichen Missionierung Ostfrieslands im 8. Jahrhundert zurückgeht. Nachdem Friesland ab 734 vom Frankenkönig Karl Martell erobert wurde und Karl der Große die fränkische Herrschaft hierzulande festigte, begann unter Bischof Willehad die christliche Missionierung der bis dahin heidnischen Friesen.[1] Wahrscheinlich stand dieser erste hölzerne Bau bereits auf der Warft des heute so bezeichneten Alten Friedhofs, jedoch ist nicht eindeutig, ob zu diesem Zeitpunkt diese Warft bereits existierte oder erst später für den steinernen Nachfolgebau angehäuft wurde. Im 12. Jahrhundert wurde an besagter Stelle jedenfalls eine rechteckige Einraumkirche aus Tuffstein als erster steinerner Kirchenbau des Ortes errichtet.[2] Ansonsten ist die Quellenlage insbesondere aus dem Frühmittelalter insgesamt sehr schlecht, sodass viele Angaben ungesichert sind.

Im dritten Viertel des 13. Jahrhunderts wurde der Vorgängerbau nach einem Erdbeben niedergerissen und anschließend wesentlich vergrößert aus Backstein als dreischiffige Pfeilerbasilika mit gewölbtem Querhaus und quadratischem Chor wiedererrichtet.[3][4] Die Initiative dazu ging wohl vom Bistum Bremen aus, zu dem Norden seinerzeit gehörte.[5] Möglicherweise stand der Neubau im Zusammenhang mit dem Besuch des Bremer Erzbischofs Hildebold von Wunstorf, der die Stadt im Jahre 1271 besuchte, im Dominikanerkloster verweilte und dort auch eine Messe abgehalten haben soll.[6]

Nach der Fertigstellung der nun nach dem Heiligen Andreas benannten Andreaskirche im Jahre 1288 hatte der Bau eine Länge von 65 Meter und war etwa 22 Meter breit. Sein 65 Meter hoher Westturm diente Seefahrern über mehrere Jahrhunderte als Seezeichen.[6][7][8] Die beiden östlichen Türme an den Chorflanken wurden später hinzugefügt und von zwei "vornehmen Jungfrauen", möglicherweise Schwestern oder Cousinen aus dem Norder Häuptlingsgeschlecht Idzinga, gestiftet.[9] Ihre Namen werden mit Jeva Idzing und Djure Idzing angegeben.[10]

Die in Ostfriesland seltenen Chorflankentürme wurden vermutlich nach dem Vorbild der Kirche von Bunde errichtet.[2] Im Allgemeinen wies die Andreaskirche jedoch deutliche Ähnlichkeiten mit der heute noch bestehenden Kirche St. Clemens zu Wissel (Niederrhein) auf, wenngleich diese nicht über den markanten, besonders hohen Westturm verfügt.

Unmittelbar nach der Baufertigstellung im Jahre 1288 wurde der umliegende Friedhof seiner Bestimmung übergeben, die offizielle Weihung soll jedoch erst nach dem Eintreffen des Bischofs vollzogen worden sein.[9] Die spätere Weihe der Andreaskirche am 3. Mai 1314, die Erzbischof Johann I. von Bremen vollzog, hing vermutlich mit dem Wiederaufbau nach erneuten Zerstörungen durch ein starkes Unwetter zusammen.[11][12]

 
Der Heilige Andreas im Stadtwappen als Namensgeber der Andreaskirche.

Schon vor den einsetzenden Wirren durch die Reformation ab 1517 stand es denkbar schlecht um den Zustand der Andreaskirche. Stürme und Überflutungen, wie die Erste Dionysiusflut, hatten dem Bauwerk im 13. und 14. Jahrhundert stark zugesetzt. Wohl ein heftiger Sturm brachte den mächtigen Westturm im Jahre 1411 vollkommen zum Einsturz.[13] Er wurde offenbar rasch wieder aufgebaut, da er als Seezeichen benötigt wurde. Der endgültige Todesstoß wurde der Kirche jedoch erst 120 Jahre später versetzt. Im Jahr 1531 verwüstete ein Heerhaufen des Häuptlings Balthasar von Esens im Zuge der Geldrischen Fehde die unbefestigte Stadt, die nur über einige umliegende Wehrhäuser, aber keine Stadtmauer verfügte. Den Brandschatzungen fielen sowohl die Andreaskirche als auch weitere bedeutende Bauten, wie der Vorgängerbau des Alten Rathauses, zum Opfer.

Balthasars Zerstörungswut ging soweit, dass er, als er eigentlich die Stadt schon wieder verlassen hatte und sah, dass der große Westturm entgegen seiner Absicht noch nicht in Brand geraten war, in Rage geriet. So befahl er einigen seiner Männern, zurückzukehren und den Dachstuhl des Turmes in Brand zu setzen. Diese wurden bei ihrer Rückkehr von einigen Norder Frauen wüst beschimpft. Die Soldaten fanden schließlich in den Flammen ihren Tod, als sie die Stufen, über die sie den Turm zu dessen Brandschatzung bestiegen hatten, aufgrund des dichten Rauches nicht mehr wiederfinden konnten.[9]

Versuche, die Andreaskirche nach diesen Zerstörungen wieder aufzubauen, schlugen augenscheinlich fehl, so etwa im Jahre 1545. Nicht einmal der große Turm, an dem seit 1567 eine Uhr angebracht war (Uhrwarkstoorn), konnte gerettet werden. Ein im Jahre 1617[9] oder 1627[10] begonnenes Unterfangen hierzu scheiterte. Der Niedergang der Andreaskirche, insbesondere das Fehlen der als Seezeichen genutzten Türme, beschäftigte sogar den Rat der Stadt Hamburg, die (vergebens) einen Wiederaufbau forderte.[14] Das Gebäude blieb eine Ruine, die allmählich einstürzte und letztlich den Norder Bürgern nur noch als Steinbruch diente.Steine waren zu jener Zeit in Angesichts fehlender natürlicher Vorkommen ein knappes Gut. 1631 wurde ein Großteil der Steine für den Aufbau der Lateinschule verwendet.[15] 1723 verschwanden die letzten Überbleibsel des Turmes, der Rest der Kirche wurde bis 1756 abgetragen.[10][16] Als Ort für Gottesdienste stand seit der Zerstörung die unbeschädigte, ausreichend große Ludgerikirche direkt nebenan zur Verfügung.

Mit dem Verschwinden der Andreaskirche wurde somit schließlich die Ludgerikirche zur Gesamtkirche für die Stadt und das Umland. Bis dahin diente erstere als städtische Kirche, während die Ludgerikirche nur die Kirche der Norder Umlandgemeinden war. Dorthin scheinen auch einige wertvolle, nicht verlorengegangene Bildwerke verbracht worden zu sein. Auch einige der historisch kostbaren Sandsteinfiguren aus der Andreaskirche finden sich heute im Chorumgang der Ludgerikirche.[16][17] Von der Andreaskirche selber finden sich heute keine aufgehenden Gebäudeteile mehr. Das Areal, auf dem sie stand, nimmt der Alte Friedhof der Stadt ein.

1996 wurde der genaue Standort der Andreaskirche durch Bohruntersuchungen wiederentdeckt bzw. bestätigt.[16]

Beschreibung

 
Ungeachtet des fehlenden Westturms weist die St. Clemens Kirche zu Wissel deutliche Ähnlichkeiten mit der Andreaskirche auf.

Über den hölzernen Bau der Andreaskirche ist nichts bekannt. Der erste steinerne Bau soll hingegen eine Länge von etwa 37 Metern sowie möglicherweise eine halbrunde Apsis (halb-zylinderförmiger Anbau) gehabt haben. Später soll noch ein quadratischer Westturm angefügt worden sein.[2]

Dank der Überlieferungen des Ubbo Emmius und den sogenannten Norder Annalen des Mönches Gerrit van Norden ist eine vergleichsweise gute Beschreibung der (letzten) steinernen Andreaskirche möglich. Er nennt die Kirche ein "hervorragendes Werk mit drei ausgezeichneten und hochragenden Türmen", die bereits von Weitem sichtbar waren.[10]

Der westliche Turm soll der größte aller Türme gewesen sein, an ihm wurde 1567 eine Uhr angebracht, sodass dieser auch als Uhrwarkstoorn (Uhrenturm) bezeichnet wurde.[10] Dieser wurde bis zum Beginn des Giebels der Kirche aus Tuffstein errichtet. Von hier aus überragte er weiter mit einem hochragenden Giebel, der sich zu einer kegelförmigen Spitze erhob, der noch einmal so groß gewesen sein soll, wie der untere Bau des Turms selbst.[9] Dieser hohe Turm war über Jahrhunderte ein wichtiges Seezeichen für den Schiffsverkehr.[7] Angeblich soll er den Seefahrern bis an die Elbmündung erkennbar gewesen sein. Das Fehlen dieses Seezeichens hatte letztlich den Bau eines Leuchtturms auf Borkum durch die Stadt Emden zur Folge.[18]

Die beiden anderen Türme waren schmaler und aus Ziegelstein errichtet. Sie stiegen mit geraden Seiten hoch und waren mit einem vergleichsweise kleinen Giebel abgeschlossen. Der Volksmund nannte die beiden gleichartigen Türme auch Basen (Cousinen).[9]

Galerie

Einzelnachweise

  1. Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 7
  2. 2,0 2,1 2,2 Infotafel im Ostfriesischen Heimatmuseum
  3. Bärenfänger, Rolf (1999): Die Andreaskirche in Norden, Stuttgart, S. 187f.
  4. Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 23
  5. van Lengen, Hajo (2003): Die Friesische Freiheit des Mittelalters – Leben und Legende, Aurich, S. 77
  6. 6,0 6,1 Möhlmann, Günther (1959): Norder Annalen. Aufzeichnungen aus dem Dominikanerkloster in Norden, Aurich, S. 31
  7. 7,0 7,1 Ruge, Reinhard (2000):: Die Ludgerikirche zu Norden, Norden, S. 3
  8. Verein für hansische Geschichte (1910): Hansische Geschichtsblätter. Band XVI, Leipzig, S. 520
  9. 9,0 9,1 9,2 9,3 9,4 9,5 Foraita, Heinz (1985): Dein sind die Zeiten, Herr. Die Geschichte der Katholischen Gemeinde Norden. Herausgegeben zur 100-Jahr-Feier der St.-Ludgerus-Kirche zu Norden, Norden, S. 8
  10. 10,0 10,1 10,2 10,3 10,4 Cremer, Ufke (1995): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 18
  11. Beschreibung der Kirchengemeinde Norden, abgerufen am 9. November 2021
  12. Möhlmann, Günther (1959): Norder Annalen. Aufzeichnungen aus dem Dominikanerkloster in Norden, Aurich, S. 87
  13. Möhlmann, Günther (1959): Norder Annalen. Aufzeichnungen aus dem Dominikanerkloster in Norden, Aurich, S. 39
  14. Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 103
  15. Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 66
  16. 16,0 16,1 16,2 Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2001): Norden-Norddeich. Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 64
  17. Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 21
  18. Cremer, Ufke (1995): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 19

Siehe auch