Karl Vissering

Aus Norder Stadtgeschichte
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Karl Johann Bodewien Vissering (* 15. Dezember 1865 in Dornum; † 25. April 1947 in Leer) war Landwirt, Oberdeichrichter, Landschaftsrat, Mitglied des Landtags und Besitzer des Guts Lintel sowie des Hofs Breepott, des Hofs Flökershausen und des Hofs Uhlenwarf. Er war ein Onkel des Kriegsverbrechers Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.

Leben

Vissering wurde 1865 als Sohn von Friedrich Bodewin Vissering und dessen Ehefrau Johanne Henriette Georgette von Blonay-Mountfacon auf dem Wilhelminenhof bei Dornumergrode geboren. Die Familie stammt ursprünglich Leer und galt als wohlhabende Bauernfamilie mit Gütern in Dornum (Wilhelminenhof) und Norden (Gut Lintel).[1]

Nach dem Tod von Friedrich Bodewin Vissering ging der Hof an seine Ehefrau. Von dieser pachtete Karl das Gut und kam auch in den Besitz des Hofs Breepott (sowie wohl auch des Hofs Flökershausen und des Hofs Uhlenwarf).[2] Aufgrund mangelnden Wirtschaftsverständnisses geriet er schon früh in finanzielle Schwierigkeiten. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg ging es mit seinen Besitztümern abwärts. Auch eine Konsolidierung durch die Währungsreform nach der Inflationszeit gelang nicht. 1919 wurde Vissering wegen überhöhter Preisforderungen für Gemüse angezeigt und zur Rechenschaft gezogen. Der wirtschaftliche Ruin Visserings vollzog sich immer weiter.

1929 war er zum Verkauf des Hofs Breepott mit seinen 54 Hektar Land gezwungen.[3] Zuvor musste er bereits einen Großteil der zum Gut Lintel gehörenden Ländereien in dessen Umfeld veräußern. Unbeirrt dessen versuchte er sich weiterhin in der kostenintensiven Zucht von Pferden und brachte 1924 ein Buch mit dem Titel Gut Lintel bei Norden (Ostfriesland) - Zuchtstätte rotbrauner Ostfriesen heraus.[4] Nach vorheriger Zwangsverwaltung wurde 1932 die Zwangsversteigerung seines restlichen Besitzes, des Guts Lintel, eingeleitet. 1940 erging erneut ein Pfändungsbeschluss gegen Vissering, der seit 1935 als Landwirt in Leer-Loga tätig war.[3]

Etwa gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde er Deichrichter der Wester- und Lintelermarscher Deichacht, ab 1900 sogar ihr Oberdeichrichter.[3] In seine Zeit fällt die Verstärkung des Westermarscher- und des Norddeicher Seedeichs in den Jahren 1898 bis 1900.[5] Nach Eigenaussage befestigte er in seiner Amtsfunktion etliche Deiche durch Basalt und erhielt die Aufsicht über sechs Deichachten, für die er eine Kommunionswirtschaft einrichtete. In reibungsloser Zusammenarbeit mit den lokalen Deichrichtern habe er große Verbesserungen vorgenommen mit dem Erfolg, dass die Deiche die Hochflut 1916 unbeschadet überstanden.[3] Bei der Deichverstärkung arbeitete er offenbar eng mit der Basalt Actien Gesellschaft aus Linz am Rhein zusammen, die ihm später in Andenken dessen ein Emaille-Schild überreichten.[5]

1916 wurde er von der Kurie der Hausmänner zum Landschaftsrat der Ostfriesischen Landschaft gewählt. Als solcher war er mit der Bewirtschaftung, Verpachtung und Veräußerung der landschaftlichen Ländereien betraut. Nach dem Tode des Auricher Bürgermeister Schwienings im Jahr 1935, dessen Stellvertreter als Brandkassenleiter er bislang gewesen war, wurde Vissering die kommissarische Leitung der Landschaftlichen Brandkasse übertragen. Nebenbei hatte er ab 1926 für einige Jahre die Funktion eines stellvertretenden Mitglieds der Spruchkammer des Landeskulturamts Hannover inne.[3]

Nicht zuletzt mit einer Klage gegen die Landschaft auf Zahlung eines Gehaltes als Landschaftsrat (1935) machte er sich auch im Landschaftskollegium unbeliebt. Er unterlag mit seiner Forderung in zwei Gerichtsinstanzen. Als 1943 das Landschaftskollegium auf der Grundlage der Verfassung vom 27. Juli 1942 eine Restrukturierung durch Neuberufungen erfuhr, wurde Vissering, mittlerweile Dienstältester Landschaftsrat, im Einvernehmen mit der NSDAP und Landrat Conring nicht wieder berufen.[3]

Von 1910 bis 1919 saß Vissering für den Landkreis Norden im Provinziallandtag der Provinz Hannover. Redebeiträge im Parlament blieben selten. 1918 beteiligte er sich an der Debatte über eine Provinzialbürgschaft für Gelder an ostfriesische Inselgemeinden, die durch die kriegsbedingte Einstellung des Badebetriebs in Not geraten waren, fiel aber in der Debatte auch durch Unkenntnis und Realitätsferne auf. Nach dem Ausscheiden Visserings aus dem Provinziallandtag übernahm Jan Fegter sein Abgeordnetenmandat.

Trotz aller Eigenwilligkeiten, die in Visserings Persönlichkeit liegen, sind seine mehrfach mit Strafmaßnahmen endenden Gesetzesübertretungen gleichermaßen auch in die durch die allgemeine konjunkturelle Lage der Bauernschaft bedingten Widerstandsaktionen der späten Weimarer Republik einzuordnen. Zu den Aktionen der bedrängten Landbevölkerung zählten etwa Widerstandsdelikte und Steuerstreiks – Mittel, zu denen auch Vissering griff. Dabei kam es auch zur Annäherung von Vertretern unvereinbar scheinender politischer Lager. Am 22. Juli 1932 nahm Vissering an einer gemeinsamen Zusammenkunft von KPD- und NSDAP-Mitgliedern in Bedekaspelermarsch teil. Bei dieser soll die Gründung einer Notgemeinschaft zur Verhinderung von Zwangsverkäufen erfolgt sein. Der Regierungspräsident beabsichtigte daraufhin ein Disziplinarverfahren gegen Vissering wegen beamtenunwürdigen Verhaltens und gemeinsamer Sache mit Kommunisten. Vissering jedenfalls stand eindeutig auf der Seite der Nationalsozialisten; 1940 bezeichnet er sich selbst als Antisemit und deutschnationalen Mann. Sichtbar wird seine Haltung auch in einer von ihm 1940 verfassten Darstellung der Aufgaben der Ostfriesischen Landschaft, in der sich krude völkisch-rassische und den Nationalsozialismus verherrlichende Anschauungen mit ostfriesischem Sonderbewusstsein verknüpfen.[3]

Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft verlangte Vissering, der im Krieg eine Splitterverletzung am Kopf erlitten hatte, sogleich eine Wiederaufnahme lebenslänglicher Gehaltszahlungen an ihn. Sein Antrag war chancenlos, weil von einer behaupteten Lebenszeitstellung als Leiter der Brandkasse keine Rede sein konnte: Die Position hatte er stets nur kommissarisch wahrgenommen.[3]

Privates

Seine Schwester Apollonia Vissering (1857-1889) war die Mutter von Wilhelm Keitel, der während des Zweiten Weltkrieges der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht war und bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen für schuldig befunden und nachfolgend gehängt wurde.

Er selbst war verheiratet mit Elisabeth Vissering, geb. Berlin. Das Ehepaar hatte zwei Söhne und eine Tochter.

Einzelnachweise

  1. Stammbaum der Familie Herlyn, abgerufen am 23. April 2021
  2. Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 100
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 3,5 3,6 3,7 Mahmens, Sven (2007): Biographie des Karl Vissering, veröffentlicht bei der Ostfriesischen Landschaft
  4. Bücherverzeichnis von Google Books, abgerufen am 23. April 2021
  5. 5,0 5,1 Internetseite der Familie Vissering, abgerufen am 23. April 2021

Siehe auch